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Indiens Firmen kämpfen um gutes Personal

Written by Stefan Mey

„Es ist bittere Ironie, aber unser Land mit 1,2 Milliarden Einwohnern hat zu wenig qualifiziertes Personal“, sagt D’Oneil Vaz, CEO des Personal-Outsourcers Bluesky HR, über sein Heimatland Indien. An und für sich sprechen die demografischen Daten für eine rosige Situation in der größten Demokratie der Welt: Im Jahr 2020 werden 25 Prozent der arbeitsfähigen Weltbevölkerung Inder sein; in der heute so jungen Nation ist dann der Durchschnittsbürger 29 Jahre alt, während das Durchschnittsalter in Westeuropa bei 45 Jahren liegen wird – so zumindest eine aktuelle Statistik des World Economic Forum. Der Haken aber ist: Nur wenige dieser Menschen sind wirklich als Mitarbeiter geeignet, die Ausbildung ist nicht an den Bedarf angepasst.

Da das Angebot am Personalmarkt der Nachfrage nachhinkt, entwickeln sich entsprechend die Gehälter und die Mitarbeiterfluktuation. „Durchschnittlich steigen die Gehälter hier 13 bis 15 Prozent jährlich, in schlechten Jahren sind es zehn Prozent“, sagt Vaz. Zum Vergleich: In entwickelten Industrienationen steigen die Gehälter lediglich fünf bis sieben Prozent pro Jahr. Wer in Indien einen regionalen Geschäftsführer anstellen möchte, muss mit einem Gehalt von 50 bis 90.000 Euro brutto rechnen, einen Country Manager gibt es um 180 bis 300.000 Euro.

Auch mit der ehemals so großen Bindung der Mitarbeiter an ihr Unternehmen ist es langsam vorbei: Früher galt die Firma als zweite Familie; nun fordern die Mitarbeiter ihr Gehalt und verschwinden zur Konkurrenz, wenn die Forderungen nicht erfüllt werden – manchmal von einem Tag auf den anderen, denn Kündigungsfristen sind nicht üblich. Einem Bericht der Tageszeitung „The Hindu“ zufolge hat etwa der indische IT-Riese Wipro mit einer Fluktuationsrate von derzeit 14,2 Prozent zu kämpfen – und das ist noch vergleichsweise wenig , denn im Vorjahr war die Fluktuation noch über 20 Prozent gewesen; und andere Quellen sprechen von 30 Prozent Fluktuation in der indischen IT-Branche.

Arbeitszeit nicht ausschlaggebend

Alles düster also im sonnigen Subkontinent? Nicht unbedingt: Zumindest verbringen Inder für Ihr Gehalt deutlich mehr Zeit hinter dem Schreibtisch. Neun Stunden ist der durchschnittliche Inder im Büro, elf bis zwölf Stunden pro Tag sind keine Seltenheit – das Konzept der Work-Life-Balance ist hier noch nicht angekommen. Allerdings sieht Vaz auch hier Schattenseiten: „Inder arbeiten lange, weil es viel unproduktive Zeit gibt“, sagt Vaz. Er habe mit einem deutschen Automobil-Produzenten gearbeitet – und da beeindruckte ihn, wie effizient alles abläuft; nach getaner Arbeit geht man um 17 Uhr nach Hause. In Indien hingegen gibt es viel Ablenkung: Etliche Feiertage für  die unterschiedlichen Religionen, ein produktivitätshemmendes Klima und zeitraubender Verkehr in Metropolen wie Mumbai. „Hinzu kommt, dass Erfolg oft nicht gemessen wird, weil der CEO einfach nicht interessiert daran ist‘‘, sagt Vaz. Es wird oft getratscht, Meetings laufen unorganisiert und unproduktiv ab, defekte PCs werden oft nicht repariert, weil sich niemand verantwortlich fühlt. „Auf diese Art verschwenden Inder  wohl 40 bis 50 Prozent ihrer  Arbeitszeit“, bemängelt Vaz.

Ausländer überfordert

Gelöst werden die Probleme, indem Unternehmen firmeninterne Trainings anbieten – das bildet die Mitarbeiter nicht nur für ihren spezifischen Job aus, sondern bindet sie auch an das Unternehmen. Gesucht werden nicht mehr bloß MBAs, stattdessen werden Mitarbeiter direkt vom College rekrutiert, betont Vaz. Manche indische Unternehmen hätten auch versucht, ausländische Manager in ihr Unternehmen zu integrieren: „Deren Volkswirtschaften stagnieren oder schrumpfen, und in Indien finden sie neue Chancen“, sagt Vaz. Wenn alles gut läuft, kann der westliche Manager frischen Wind in das indische Unternehmen bringen, und beide Seiten können voneinander lernen. „Allerdings haben nicht viele Unternehmen positive Erfahrungen gemacht“, bedauert er: „Es ist halt eine große Herausforderung für Ausländer, sich an Indien anzupassen – sie verstehen die Vielfalt unseres Landes selten und sind von der indischen Arbeitsweise überfordert.“ Zumindest, so Vaz, wird die Lücke in der Entlohnung zwischen westlichen Expats und indischen Managern kleiner – wenn das Wachstum Indiens sich fortsetze, könnten indische Manager in weniger Jahren bereits mehr verdienen als Europäer.

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