Interkulturelles

Indien als “All-inclusive”-Kultur

Wie war Indien?“ oder „Stimmt es dass in Indien…?“ Derartige Fragen muss ich dieser Tage wieder vermehrt beantworten, weil ich nach acht Monaten Indien wieder nach Hause gekehrt bin. Entweder speist man seinen Gegenüber mit einem einzigen Satz ab oder man nimmt sich ein paar Tage Urlaub um diese Frage entsprechend zu beantworten. Alles was man über Indien sagt stimmt, aber genauso sein Gegenteil. Indien ist eben nicht ein Land, sondern ein Kontinent, und ein ziemlich diversifizierter noch dazu. Hier ist alles möglich, hier gilt alles. Das sieht man schon an den Menschen und seinen Hautfarben. Von weiß/europäisch über asiatisch bis farbig (fast schwarz) ist alles möglich. Es gibt nicht DIE indische Kultur, aber es gibt eine gewisse gemeine Basis, ein gewisses kulturelles Grundverständnis der Inder.

Aber das bemerkenswerte an der indischen Kultur ist, dass man in ihr alles an Einflüssen und Strömungen entdecken kann, die es auf der ganzen Welt auch gibt. Während der letzten zwei Jahrtausende sind immer wieder verschiedene Eroberer und „Unternehmer“ auf dem Subkontinent eingefallen. Aber anders als irgendwo anders in der Weltgeschichte wurde die Kultur nicht zerstört, sondern eher vermischt und weiterentwickelt. Indien war somit immer der Schmelztiegel der Kulturen – seit Alexander dem Großen, über die arischen Stämme und Händler aus Arabien und Persien bis zu den Muslime und Moghulen aus Zentralasien, Briten, Franzosen, Holländer und Portugiesen. Fragmente all dieser Kulturen leben in Indien immer noch weiter, und das meist sogar ursprünglicher als irgendwo anders auf der Welt. So ist zum Beispiel schon etwa 50 nach Christus der Apostel Thomas nach Kerala/Südindien gekommen um dort die ersten christlichen Gemeinden in Indien aufzubauen – noch lange bevor das Christentum über die Alpen nach Mitteleuropa kam. Bis heute leben die Thomas-Christen mit Muslimen und Hindus friedlich nebeneinander.

Neben dem vorherrschenden Hinduismus finden alle (Welt-) Religionen in Indien eine Heimat: Christen, Muslime, Buddhisten, Jainas, Parsen/Zoroastrier, Atheisten sowie Anhänger von Naturreligionen.In Indien muss man sich nicht entscheiden. Alles ist möglich, alles ist gültig, alles existiert nebeneinander:

  • Reich & arm
  • konservativ & liberal
  • richtig & falsch
  • ethisch & korrupt
  • religiös & atheistisch
  • Geld-orientiert & intellektuell
  • sauber (zu hause) & schmutzig (draussen)
  • traditionell & modern
  • individuell & kollektiv
  • bescheiden & sparsam
  • tolerant & diskriminierend

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About the author

Wolfgang Bergthaler

Wolfgang Bergthaler ist seit 2004 mit Indien beruflich und privat eng verbunden. Als Entrepreneur, Berater und Blogger hat er Land und Wirtschaft von den spannendsten Perspektiven kennen gelernt.
Auf "Indische Wirtschaft" teilt er seine Erfahrungen, insbesondere zu den Themen IT Outsourcing, Tech Startups, Marketing und Vertrieb.

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