Isabelle-Jasmin Roth: Schnell, pragmatisch und mit viel Humor

Isabelle-Jasmin Roth (26) lebt und arbeitet seit drei Jahren in Indien. Seit November 2011 baut sie als Managing Director das Indien-Geschäft von Avantgarde, Deutschlands größter Live-Kommunikations-Agentur, mit Sitz in Neu Delhi auf. Nebenbei dokumentiert sie ihr Leben und Arbeiten in der größten Demokratie der Welt in Wort und Bild auf ihrem Blog ijroth.com. Indische-Wirtschaft traf die sympathische Deutsche zum Interview.

IW: Von 2009 bis 2011 hast du in Delhi als Unternehmensberaterin im Bereich Umwelttechnologie und Erneuerbare Energie gearbeitet und deutsche Unternehmen nach Indien begleitet. Wie kam es dazu und du nach Indien?

IJR: Noch während meines Studiums bin ich 2008 bei einem Start-Up als Direktor eingestiegen und Hals über Kopf nach Indien gezogen. Mein Studium der Politikwissenschaft am Südasien-Institut der Universität Heidelberg zog die theoretische Grundlinie, doch als ich das Angebot erhalten habe, bei BRIDGE TO INDIA, einer Unternehmensberatung mit Schwerpunkt Erneuerbare Energie in Neu Delhi zu arbeiten, habe ich mich ohne Kalkül, aber mit viel Bauchgefühl spontan dafür entschieden. Im Rahmen meines Studiums war ich bereits oft in Indien; wusste also grob, auf was ich mich einlasse. (lacht) In den letzten Jahren habe ich intensiv im Bereich Unternehmenskommunikation und der Entwicklung von Geschäftsmodellen von internationalen Firmen, die sich im indischen Erneuerbare-Energie-Markt positionieren wollen, gearbeitet und dabei unglaublich viel gelernt und erlebt. Auch das Leben in Indien verlangt eine ähnliche Adaption wie die der lokalen Geschäftsmodelle, die ich für Kunden entwickelt habe. Was ist zu tun, wenn Strom und Wasser nicht mehr funktionieren; wenn Straßenhunde meine Wohnungstür belagern oder der Taxifahrer mich fröhlich pfeifend in die entgegengesetzte Richtung fährt?

IW: Nun hast du hast dich entschieden eine neue, noch größere Aufgabe anzunehmen: den Aufbau der Indien-Niederlassung der Avantgarde, eine der führenden Kommunikations-Agenturen Deutschlands. Wo steht ihr gerade und wann geht es richtig los?

IJR: Momentan stelle ich das Team zusammen, baue das Büro in Delhi um, welches wir gerade erst angemietet haben, stelle Unterlagen für Pitches und Präsentationen zusammen, kläre alles notwendige mit Behörden und Banken ab, checke Supplier, verfeinere unseren Business Plan und bin parallel bereits auf Kundenakquise. Meine ToDo-Liste wächst kontinuierlich um 360 Grad! (lacht) Aber das ist ja auch gut so. Ab Februar 2011 startet ein vierköpfiges Team; Mitte Februar findet der große Launch von Avantgarde India in der deutschen Botschaft in Delhi statt, der auch organisiert werden muss. Und dann geht’s los – ihr werdet auf jeden Fall noch von uns hören. (lacht)

IW: Eine Firma in Indien aufzubauen ist eine kräfteraubende Aufgabe. Du hast aber bereits mehrere Jahre Berufs- & Führungserfahrung vor Ort. Du beherrscht offensichtlich, woran die meisten Europäer in Indien scheitern: „getting things done“. Wie bekommst du Dinge in Indien erledigt? Was ist dein „Management-Mantra“?

IJR: Eine gute Frage! Um ehrlich zu sein, sind es eigentlich drei (auf den ersten Blick) sehr simple Dinge, auf die es ankommt: Schnelligkeit, ein gesundes Maß an Pragmatismus und Humor.

Warum Schnelligkeit? Weil Indien’s Märkte und Akteure sich in einer Dynamik entwickeln, die wir aus Europa nicht kennen. Wir Europäer tun uns generell damit schwer, diesem Auftrieb in Echtzeit zu folgen; kommen wir doch aus Ländern, in denen in der Regel viele Prozesse schon fest geregelt sind, und es eher um Optimierung als um den fundamentalen Aufbau dieser geht. Aber in einem Land wie Indien, in dem 50% aller Bewohner unter 25 Jahren alt ist, in dem eine immens wachsende Start-Up-Szene asiatische Innovationskultur neu definiert und der unbedingte Wille vorhanden ist, ein besseres und erfolgreicheres Indien zu erschaffen, muss man als Unternehmer umtriebig und aktiv sein, um mit der Geschwindigkeit, in der sich Trends, Konsumverhalten, und Wettbewerber in der Wirtschaft entwickeln, mithalten zu können. Dies steht allerdings im krassen Gegensatz zur Bürokratie – dort ist bisher noch wenig von der ‚indischen Transformation’ zu spüren. (lacht)

Warum Pragmatismus? Weil in Indien es eben doch schwierig ist, Dinge solide umzusetzen. Ein Großteil der wirtschaftlichen Prozesse laufen informell ab, und seltenst auf dem direkten Weg. Wenn man z.B. ein Event plant, muss ganz oben auf der To Do-Liste stehen, den Diesel-Generator (den man natürlich auch als Back-Up bei Stromausfällen aller Art einplanen muss), alle 30 Minuten zu checken, ob dieser z.B. ausläuft, überhitzt, genügend Füllung hat und der Verantwortliche sich auch wirklich darum kümmert, den Generator über Stunden im Blick zu haben, ohne dabei einzuschlafen (das ist in der Tat schon mal passiert.). Daran ist ja an sich nichts weiter schlimm – man muss es einfach nur wissen. Daher ist mein Management-Mantra: Wer Indien wirklich verstehen möchte, der hat vor Ort auch Erfolg. Da es ein Land mit starker Netzwerk-Kultur ist, muss man sich viel Zeit nehmen, diese zu pflegen und weiterzuentwickeln. Am besten, man lernt zudem eine lokale Sprache wie etwa Hindi, um sich auch mit Fahrern, Gemüsehändlern oder einem Straßenkind unterhalten zu können. Warum? Um die andere, sehr reale Seite Indiens abseits Bollywood-Glanz und IT-Boom kennen zu lernen: Ein fröhliches, aber im Durchschnitt immer noch sehr armes Land.

Und warum Humor? Weil Indien eine hohe Frustrationstoleranz fordert. Weil Indien auch manchmal schrecklich grausam sein kann
. Und weil man mit Humor viel mehr erreicht, als sich ständig über die indische Realität aufzuregen. Akzeptanz statt Urteil lautet daher eine weitere Faustformel – nur so lernt man die schönen Seiten des Landes, seiner Mystik, dass sich zum Schluss doch immer alles zum Guten wendet, und die herrliche Situationskomik, die mich immer wieder aufs neue zum Staunen bringt, zu schätzen.

Fortsetzung folgt morgen…

(aufgezeichnet von Wolfgang Bergthaler)

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