How to do Business

Wie ich gelernt habe, in Indien dem Chaos zu vertrauen (Gastartikel von Martina Maciejewski)

Indovation

Die letzten Tage vor der Messe – aus der Sicht eines deutschen Messeveranstalters

Vorweg gesagt – was in Indien für sämtliche geschäftliche Kooperationen und Geschäfte aller Art gilt, ist beim Messegeschäft nicht anders: Lernen Sie Ihre Kollegen, Kunden und Partner vor Ort persönlich kennen. Scheuen Sie keine Reisekosten und fliegen Sie nach Indien, um mit den Beteiligten vor Ort das Konzept und die Abläufe Ihrer Messe durchzusprechen. Glauben Sie mir – hätte ich bei meiner ersten Messe in Indien gewusst, wie sehr mir das nutzt, hätte ich einen „Homestay“ im Haus des Messe-Standbauers beantragt. Erst nachdem er mich als guten Freund identifiziert hatte, habe ich rechtzeitig VOR Messebeginn Layouts der Beschilderungen bzw. Messestände zu Gesicht bekommen – die Zusammenarbeit funktionierte nun reibungslos.

Als Mitarbeiter einer deutschen, perfekt organisierten Messegesellschaft war ich geprägt von einem Messeaufbau, der nahezu reibungslos, einigermaßen sauber, mit isolierten Kabeln und ordentlich übereinander geschichteten Standwänden vonstattenging. Nicht so in Mumbai. Schon bei meiner ersten Fahrt zum dortigen Messegelände wurde mir schlagartig klar, dass ich hier viel dazulernen würde, vor allem an Gelassenheit und Flexibilität.

Müllberge und herumstreunende Hunde hinter mir lassend erreichte ich die Messehalle, in der ich die nächsten zwei Tage zusammen mit hunderten von Standbauern, Elektrikern, Reinigungskräften und dreimal mehr Messepersonal als in Deutschland eine Messe hochziehen sollte. Ehrlich gesagt, hat mich das Gefühl, dies in 48 Stunden nie und nimmer zu schaffen, erst verlassen, als die Ehrengäste zusammen mit unserem Geschäftsführer am ersten Messemorgen nach dem „Ribbon-Cutting“ die Messehallen beschritten. Ich atmete auf –  es sah aus wie zuhause in Deutschland: Die Stände blitzten und blinkten, die ausgestellten Maschinen schnurrten leise vor sich hin, die ersten Besucher ließen sich durch die Messegänge treiben und begannen geschäftige Gespräche mit den Ausstellern zu führen. Nur ganz hinten in der Ecke sah ich noch einen indischen Arbeiter den letzten Rest Teppich ausrollen, der fünf Minuten vorher noch in der halben Halle unbefestigt lag.

Was ich zwei Tage lang erlebt hatte, dass sich der Angstschweiß zusätzlich mit dem mischte, der bei 45 Grad Hallentemperatur über einen kommt, war vergessen. Es war nicht mehr zu erahnen, dass die Messehalle ursprünglich aus vier Wänden und einem Dach bestand und der Foodcourt, die VIP-Lounge, das Projektleitungsbüro und der Konferenzraum inklusive seiner Wände erst eingebaut werden musste. Auch die Hostessen, die zuvor die falsch sortierten Ausstellerausweise auch noch mit dem restlichen Spinat (Überbleibsel der Mittagspause) verziert hatten, standen nun freundlich lächelnd an ihren Ständen. Der Vogel, der mit seinen nassen Füssen auf einem nicht-isolierten Stromkabel landend, einen Funkenschlag direkt über meinem Kopf verursachte hatte, hat sich inzwischen zu dem anderen Getier außerhalb der Halle gesellt. Und vor allem: ich kann wieder atmen und der Mundschutz, den ich vorsichtshalber in der Tasche, aber nie getragen hatte, ist längst entsorgt. Denn Messeaufbau gleicht einer Schreinerei: Es wird gesägt, gebohrt und auch sonst auf jede erdenkliche Art Staub aufgewirbelt, und genau dieser Staub ist es, der die Klimaanlage außer Gefecht setzen würde – deshalb ist sie zum Messeaufbau ausgeschaltet. Die Standbauer, die aufgrund eines 48-Stunden-Rund-um-die-Uhr-Aufbaus ab und zu in den Gängen lagen, um sich ein bisschen Ruhepause von ihrem anstrengenden Job zu gönnen, sind längst daheim bei ihren Familien oder werkeln an einer anderen Messe.

Martina_Maciejewski_ProfilNur ab und zu kreisten noch ein paar wilde Vögel über den Köpfen der Messebeteiligten (diese kann auch der erfahrenste indische Messebauer nicht aus der Halle vertreiben), die einen daran erinnern, dass man doch nicht zuhause ist – sondern in Indien, dem faszinierendsten und aufregendsten aller (Messe-)Länder.

Gastbeitrag von Martina Maciejewski; seit Januar 2012: Inhaberin der Unternehmensberatung „Martina Maciejewski – Your success in India“, www.success-in-india.com

Dieser Artikel erschien auch in meinem Buch Indovation.

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About the author

Wolfgang Bergthaler

Wolfgang Bergthaler ist seit 2004 mit Indien beruflich und privat eng verbunden. Als Entrepreneur, Berater und Blogger hat er Land und Wirtschaft von den spannendsten Perspektiven kennen gelernt.
Auf "Indische Wirtschaft" teilt er seine Erfahrungen, insbesondere zu den Themen IT Outsourcing, Tech Startups, Marketing und Vertrieb.

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