Interkulturelles

Alte Werte – was wir von den Indern wieder lernen müssen

Von einer durchschnittlichen indischen Familie, die noch (!) nicht den Medien und Konsumwahn amerikanischen Vorbilds verfallen ist, können wir uns das abschauen, was bei uns in Europa die letzten fünfzig bis sechzig Jahre an kulturellen Werten verloren gegangen ist.

  • Die Familie ist das Rückgrat der Gesellschaft und hält in allen Lebenslagen und unter allen Umständen zusammen. Zu jeder Zeit kann man auf gegenseitige Unterstützung der anderen Familienmitglieder vertrauen. Auch wenn man schon 50 Jahre alt ist, wird man immer noch den Vater um seine Hilfe und Meinung fragen. Man wirtschaftet als größerer Familienverband, führt gemeinsame Konten und lebt natürlich unter einem Dach. Das staatliche Sozial- und Pensionssystem wird durch die gegenseitige Fürsorge zwischen den Generationen ersetzt. Diese Kontinuität von Generation zu Generation führt in Summe natürlich zu einer Akkumulierung der finanziellen Werte und einem sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg.
  • Kollektivistischen Kulturen wie jene in Indien beruhen auf Anpassungsfähigkeit und Plichtbewusstsein. Man stellt das Wohl der Gemeinschaft immer vor der des Individuums. Damit ergeben sich in den Familien klare Aufgabenteilung und gegenseitiges Ergänzen statt selbstmörderische Ego-Trips einzelner Familienmitglieder und damit mehr Wohlstand und Geborgenheit für alle.
  • Die Liebe und Fürsorge zwischen Eltern und Kinder ist ungleich intensiver als in Europa. Man pflegt eine viel engere Beziehung. Das merkte ich zum Beispiel wenn Inder im Ausland leben, die täglich (365 Tage im Jahr!) ihre Eltern in Indien anrufen. Ebenso intensiv ist auch die Fürsorge für Geschwister und Cousin/en. Geschwister unterstützen sich in gleichen Maßen wie wir es in Europa nur von Eheleuten kennen.
  • Die Ehe- und Hausfrau kümmert sich um eine gesunde Ernährung für die ganze Familie. Täglich drei frisch gekochte Mahlzeiten sind essentiell für die Gesundheit aller Familienmitglieder. Auf Fertiggerichte oder verarbeitete Nahrungsmittel wird (meist noch) verzichtet. Eine vegetarische aber ausgewogene Ernährung nach ayurvedischen Rezepten und das bewußte Einsetzen von Naturmedizin beugt all jenen Zivilisationskrankheiten vor, die unsere entwickelte Gesellschaft heute so zusetzen.
  • Gegenseitiges Helfen: Auch der Freund eines Freund erfährt gleiche Gastfreundschaft und Unterstützung wie der Freund ersten Grades. So entstehen oft Vertrauensketten über mehrere Verbindungen hinweg. Wenn ich zum Beispiel in eine neue Stadt komme war es für mich immer wieder sehr eindrucksvoll die Hilfe fremder Leute zu erleben, die mir nur durch einen Freund vermittelt wurden. Um sich gegenseitig zu unterstützen wird einiges in Bewegung gesetzt und weite Netzwerke aktiviert.
  • Die gesamte indische Kultur basiert auf Vertrauen. Beziehungen sind immer wichtiger als einzelne Situationen oder Dinge. So kann man auch schwierige Probleme aus der Welt räumen, die im Westen auch zum Schweitern von Beziehungen und Freundschaften führen. Auch zählt Handschlagqualität in Indien immer noch mehr als die besten Verträge.
  • Bei Beziehungen zwischen Mann und Frau spielen Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit die wichtigste Rolle. Meist muss man sich jahrelang um eine Frau bemühen und absolutes Commitment zeigen. Man lässt sich nur auf eine Beziehungen ein, wenn man den Partner mit absoluter Sicherheit später auch heiratet. Auch heute noch lassen sich die jungen urbanen Leute so gut wie nie auf (rein sexuelle) Abenteuer ein.
  • Werte wie Traditionsbewusstsein und Nationalstolzsind uns seit spätestens 1945 fremd. Die indische Gesellschaft ist jedoch stolz für ihre Nation, Tradition, Geschichte und Kultur. Auch heute noch möchte jeder Inder etwas für sein Vaterland leisten.

Wahrscheinlich glauben Sie jetzt ich wäre ein altmodischer Traditionalist oder hinterweltlerischer Konservativer. Aber sind die o.g. Werte nicht das, was eine gesunde und lebenswerte Gesellschaft wirklich ausmachen…?

(Kommentar)

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About the author

Wolfgang Bergthaler

Wolfgang Bergthaler ist seit 2004 mit Indien beruflich und privat eng verbunden. Als Entrepreneur, Berater und Blogger hat er Land und Wirtschaft von den spannendsten Perspektiven kennen gelernt.
Auf "Indische Wirtschaft" teilt er seine Erfahrungen, insbesondere zu den Themen IT Outsourcing, Tech Startups, Marketing und Vertrieb.

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