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Lüge Microfinance?!

Mittlerweile habe ich durchschaut, wie der Kapitalismus und sein Grundübel – der Zins – funktioniert. Schuld und Verschuldung sind demnach das Grundübel unserer Gesellschaft und das Hauptinstrument um die Welt zu regieren – ganz ohne Waffengewalt. Denn Geld regiert die Welt!

Aber wer regiert das Geld…? Mittlerweile wissen wir es alle: Es ist nicht der Staat, der über das Geld wacht, sondern die Banken! Oder besser gesagt die Bänker, denn sie lassen auch den kleinen Mann als Aktionär teilnehmen am größten und riskantesten (Macht)Spiel aller Zeiten.

Indem die Bank Menschen Geld leiht (das sie selbst gar nicht hat) und zusätzlich dafür Zinsen verlangt, macht sie jeden einzelnen Kreditnehmer abhängig. Ab dann ist die Bank der Herr über den Kreditnehmer, der für seinen (Geld)schöpfer einen Profit – den Zins auf das geschöpfte Kapital – erwirtschaften MUSS (vormals Leibeigener). Was schön für die Bank ist, ist möglicherweise fatal für den Kreditnehmer. Dieser steht dem Geldverleiher nämlich in der Schuld und bezahlt im besten Fall mit temporärer Unfreiheit, möglicherweise aber auch ewiger Abhängigkeit (siehe Griechenland).

Muhammad Yunus: Banker to the poor, and for the global financial industry

Wenn also der Zins mathematisch falsch und moralisch unrecht ist, kann demnach Mikrofinanz, oder besser gesagt Mikrokredit, nicht richtig sein. Bei Mikrofinanz geht es darum Menschen ohne jegliche Sicherheiten Zugang zu Finanzdienstleistungen zu gewähren. Während Sparprodukte (Micro Savings) und Versicherungen (Micro Insurance) absolut sinnvoll erscheinen, sehe ich mittlerweile Micro-Credit als höchst problematisch.

Natürlich kann eine Anschubfinanzierung von 100 Dollar einer Frau in Indien schon helfen ihr kleines Geschäft (zum Beispiel ein paar Hühner, eine Kuh, ein kleiner Straßen-Laden etc) aufzubauen und ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Sie wird mit ihrem Mikro-Unternehmen damit wahrscheinlich auch bald ihre Kreditraten sowie Zinsen zurück bezahlen können. Hoffentlich, sonst bekommt sie Probleme – entweder von ihrer eigenen Self Helping Group, die für sie bürgt, oder gleich direkt von der Microfinanz-Organisation, die mentalen Druck oder gar Gewalt auf sie ausüben wird. Ist das alles wirklich notwendig für 100 Dollar…?

Wenn ich also Mikrofinanz als Ganzes kritisch betrachte, tut sich der Verdacht auf, dass es sich dabei lediglich um die Erschließung neuer riesiger Marktsegmente für die Finanzindustrie und Banken handelt. Unter den Deckmantel der Nächstenliebe und Entwicklungshilfe, dürfen MFIs (Micro Finance Institutions) Millionen von Kunden akquirieren, die bis dato für die Banken noch unerreichbar waren. Diese werden durch MF im Kapitalismus eingegliedert und für die Finanzwirtschaft erschlossen, organisiert und nutzbar gemacht. Im Gegenzug verlieren sie das bisschen Freiheit, das sie hatten, lassen sich einfacher steuern und arbeiten ab sofort für das globale System und den Zins.

Micro-Finance kann also nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Im besten Fall ist Mikrofinanz eine akzeptable Lösung – im derzeitigen falschen Wirtschafts-System. Stattdessen sollten wir uns aber langsam ein alternatives Geldsystem überlegen, das ohne Schuld funktioniert und wirklich allen Menschen dient, und nicht ein paar wenigen. Es geht um unsere Freiheit.

(Kommentar von Wolfgang Bergthaler)

Anmerkung: Bei der Beurteilung von Microfinance macht es noch einen Unterschied ob die MFIs (Micro Finance Institutions) rechtlich gesehen Banken sind und das Geld schöpfen, oder lediglich NBFCs (Non Banking Finance Corporations), die mit Spareinlagen und Eigenkapital die Kredite finanzieren.

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About the author

Wolfgang Bergthaler

Wolfgang Bergthaler ist seit 2004 mit Indien beruflich und privat eng verbunden. Als Entrepreneur, Berater und Blogger hat er Land und Wirtschaft von den spannendsten Perspektiven kennen gelernt.
Auf "Indische Wirtschaft" teilt er seine Erfahrungen, insbesondere zu den Themen IT Outsourcing, Tech Startups, Marketing und Vertrieb.

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