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EU-Indien: Freihandelsabkommen schon im Herbst 2012?

Mythologe Devdutt Pattanaik sieht die wirtschaftliche Orientierung der Union als Fehlschuss.
Written by Stefan Mey

„Die hohen Zölle auf Spirituosen machen es schwer, europäischen Wein in Indien zu vernünftigen Preisen anzubieten”, sagt der Besitzer eines französischen Lokals in Bangalore in Gespräch mit dem WirtschaftsBlatt – im Dezember hatte die Regierung versprochen, die Zölle auf Wein von 150 auf 50 Prozent zu senken; aktuell trinkt der durchschnittliche Inder einen Teelöffel Wein pro Jahr, mit niedrigen Zöllen gäbe es also noch Marktpotenzial.
Ähnlich steht es in der Automobilindustrie: Für den Import europäischer Autos verrechnet Indien 60 Prozent Einfuhrzoll, die EU ihrerseits verrechnet auf importierte indische Autos nur 6,5 Prozent. Europäische Automobilhersteller wollen dennoch nicht auf den indischen Wachstumsmarkt verzichten und errichten daher Fabriken im Inland, um die Nachfrage zu vernünftigen Preisen zu bedienen.
Dementsprechend kamen am vergangenen Freitag vertreter der Europäischen Union und der Regierungsspitze Indiens zu einem Meeting zusammen: Auf der Agenda stand ein Freihandelsabkommen, dass auf 90 Prozent der gehandelten Produkte zwischen den beiden Wirtschaftsräumen einen Abbau der Zölle vorsieht – vor allem auf Spirituosen und Autos liegt ein Schwerpunkt; Indien hatte bereits im Vorfeld angekündigt, die Einfuhrzölle auf Luxus-Automobile auf 30 Prozent zu kürzen.

Viel Potenzial

Ein Abkommen dieser Art würde eine Handelszone schaffen, die 1,8 Milliarden Menschen – ein Viertel der Weltbevölkerung – abdeckt. Im Jahr 2010 belief sich das Handelsvolumen zwischen Indien und EU auf 86 Milliarden €; für die EU sind das nur 2,4 Prozent des gesamten Handelsvolumens, für Indien hingegen macht die EU 19 Prozent der Exporte und 14 Prozent der Importe aus und ist somit der wichtigste Handelspartner. Beide Seiten haben der indischen Wirtschafts-Tageszeitung „Business Standard” zufolge zum Ziel, den bilateralen Handel bis 2013 auf 200 Milliarden Dollar zu erhöhen.
Der Handel Indiens mit Österreichs steigt bereits jetzt: Nach Angaben der Indischen Botschaft in Wien stiegen die indischen Exporte für den Zeitraum von Jänner bis Oktober 2011 um 17,1 Prozent auf 482,96 Millionen €, die österreichischen Exporte stiegen um 33,2 Prozent auf 678,09 Millionen € – mit 46 Prozent Anteil halten Maschinen den größten Teil am Export nach Indien.
Lösung in Sicht

Seit dem Start der Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen im Jahr 2007 wurden bereits 14 Verhandlungsrunden durchlaufen; und nun scheint eine baldige Lösung in Sicht: Einem Bericht von BBC zufolge wird es laut indischem Premierminister Manmohan Singh schon „sehr bald” zu einer Lösung kommen; das indische Finanzportal Moneycontrol.com zitiert EU-Kommissionspräsident Jose Barroso: Beide Seiten hätten einen „großen Schritt nach vorne gemacht”, eine Einigung sei für Herbst in Sicht.
Das Abkommen sorgt nicht überall für Begeisterung: Am Freitag kam es zu einer Demonstration indischer HIV-Infizierter, die durch die Öffnung des Marktes für ausländische Medikamente eine Verteuerung der für sie lebensnotwendigen Generika befürchten. Und Indiens Wirtschaft – von den großen Autoherstellern bis zum Straßenhändler – protestiert, da man um Marktanteil fürchtet. Im Herbst hätte ein Gesetz Direktinvestition von Hypermärkten wie Carrefour oder Tesco in Indien ermöglichen sollen – nach heftigen Protesten und der Ankündigung eines Oppositionspolitikers, die Bevölkerung persönlich zu Brandstiftung an einem Hypermarkt anzustacheln wurde der Beschluss des Gesetzes jedoch vertagt.

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