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Incredible India? (Kommentar)

Indien wirbt mit dem Slogan Incredible !ndia um Touristen aus aller Welt. In den preisgekrönten Werbespots der Indien-Werbung wird die Schönheit des Landes, das Jahrtausende alte kulturelle Erbe sowie die herzliche Gastfreundschaft der Menschen inszeniert und in den schönsten Farben und intensivsten Emotionen dargestellt. Immer mehr Menschen lassen sich durch die herrlichen Bilder inspirieren und entscheiden sich für eine Reise durch den Subkontinent…

…um dort bitter enttäuscht zu werden. Denn Schein und Sein klaffen nämlich in Indien (zu) oft eklatant auseinander. Das musste ich letzte Woche wieder am eigenen Leib erfahren als mich ein Kurzurlaub zu den Höhlentempeln in Ellora und Ajanta führte. Die in die Felsen geschlagenen Tempel gehen ins zweite nachchristliche Jahrhundert zurück und beherbergen großartige Wandmalereien, tausende buddhistische sowie hinduistische Statuten und einzigartige Bildhauerkunst. Obwohl diese Felsentempel zu den eindrucksvollsten Natur- und Kunstdenkmälern dieser Zeit zählen, war die Reise bestenfalls zweitklassig.

Infrastruktur ist dritte Welt

Wenn man nicht mit dem selbst gemieteten SUV die Anreise bestreitet, wird man stundenlang im Government-Bus von Aurangabad durchgerüttelt, bevor man als Belohnung die Höhlen sehen darf. Aurangabad selbst ist, mit mehr als einer Million Einwohner, ein staubiges Loch ohne nennenswerte Infrastruktur oder urbane Annehmlichkeiten. Wer aber ein einigermaßen akzeptables Zimmer wünscht, muss hier übernachten, denn in Ellora oder Ajanta gibt es, Weltkulturerbe hin oder her, so gut wie keine Unterkünfte.

Was ich auf dieser Reise erlebt habe, bestätigt wieder den alten Sinnspruch Am größten Misthaufen findet man die schönsten Blumen“, der in ähnlicher Weise auch für die meisten anderen Reise-Destinationen in Indien gilt. Indien bietet definitiv vieles „incredible“ aus alter Zeit, aber rund herum ist alles „incredibly backward“. Ich selbst kann zwar damit leben, aber richtig überzeugt bin ich auch nicht vom Charme der 60er-Jahre.

Wenn Indien nicht nur abenteuerlustige Backpacker mit beschränkten finanziellen Ressourcen anlocken möchte, sondern zahlungsfähige und anspruchsvolle Touristen aus dem In- und Ausland, muss Indien seine Hardware upgraden und sämtliche Misthaufen räumen. Denn auch nur die wenigsten urbanen Inder tun sich die Reise zu dieser entlegenen Perlen an. In den drei Tagen habe ich unter den tausenden „Small-Town-Touristen“ keine 50 Städter aus Delhi oder Bombay gesehen. Die fliegen nämlich lieber nach Singapur zum Shoppen, anstatt den beschwerlichen Landweg nach Ellora oder Ajanta zu nehmen um dort in einem drittklassigen Hotel abzusteigen.

Indische Kultur hemmt Indiens Servicequalität

Neben der rückständigen Infrastruktur leidet Indiens Tourismus vor allem am Mangel an qualifizierten Service-Personal. Hier benötigt Indien dringendst ein Software-Update. Denn anspruchsvolle (ausländische) Touristen wollen sich definitiv nicht mit einer Heerschar an unfähigen Angestellten auseinander setzen, die nicht die geringste Ahnung hat, was der Gast eigentlich will. Dass in der indischen Gastronomie und Hotellerie, abgesehen von der 5-Sterne-Kategorie, nur unqualifiziertes Hilfspersonal beschäftigt ist, liegt an der indischen Gesellschaft. Denn „jemanden zu bedienen“, was ja der Kern jeder Dienst-leistung ist, entspricht nicht dem Mindset der indischen Mittelklasse. Für Kochen, Service und Betreuung sind sich die Inder zu gut. All diese Dienstleistungen entsprechen nicht ihrem Stand und genießen keinerlei Status. Also geht in Indien niemand, der einigermaßen gebildet und qualifiziert ist, in die Tourismusbranche. Bleiben also nur mehr jene als Personal, die aus einfachsten Verhältnissen und aus schmutzigen Kleinstädten kommen. Wer zu Hause oft nicht mal fließendes Wasser hat und in mangelnden hygienischen Bedingungen lebt und kein Englisch spricht, wird auch keine entsprechende Servicequalität liefern können. Damit hat Indien gegen alle südostasiatischen Staaten im Tourismus das Nachsehen. Im Gegensatz zu Indien haben die Thais, Malays oder Philippinos keine Issues mit Dienst & Leistung. Daher findet man dort auch qualifiziertes und freundliches Personal im Tourismus – Indien jedoch ist ein touristisches Entwicklungsland. Daher urlauben auch die Inder heute lieber overseas.

(Kommentar von Wolfgang Bergthaler)

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About the author

Wolfgang Bergthaler

Wolfgang Bergthaler ist seit 2004 mit Indien beruflich und privat eng verbunden. Als Entrepreneur, Berater und Blogger hat er Land und Wirtschaft von den spannendsten Perspektiven kennen gelernt.
Auf "Indische Wirtschaft" teilt er seine Erfahrungen, insbesondere zu den Themen IT Outsourcing, Tech Startups, Marketing und Vertrieb.

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