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Kapil Sibal mit Hitlerbärtchen

Written by Stefan Mey

Dieser Schuss ging wohl nach hinten los: Auf dem aktuellen Cover des indischen Nachrichtenmagazins „Outlook“ wird IT- und Kommunikationsminister Kapil Sibal – der in den vergangenen Monaten vor allem durch die Einführung des weltweit billigsten Tabletes als Liebkind der Redaktionen galt – mit dunklen Augenbrauen und Hitler-Bärtchen dargestellt; darunter ist  ein gefälschter Facebook-Status des Ministers abgedruckt: „Was China kann, können die Inder besser, wenn unsere klügsten Köpfe daran arbeiten 😀 Im kalten Delhi habe ich die Social Media-Szene erzittern lassen und die Aufmerksamkeit erfolgreich von heiklen Themen wie dem 2G-Skandal, Inflation, ausländischen Investitionen und Anna Hazare abgelehnt ROFLMAO.“ Was war schief gelaufen?

Ein Artikel der „New York Times“ hatte offengelegt, dass die indische Regierung bereits seit längerer Zeit versucht, Internet-Riesen wie Google und Facebook zur Zensur gewisser Inhalte zu bewegen. Begründet wird dies damit, dass gewisse Inhalte beleidigend gegenüber einzelnen Religionsgruppen und Subkulturen sind – und entsprechend gewaltsame Ausschreitungen zur Folge haben könnten, wie Sibal auf einer hurtig Ende vergangener Woche einberufenen Pressekonferenz betonte. Die Kritik aus der Bevölkerung ließ nicht lange auf sich warten – nicht Wenige sehen einen Versuch der Regierung, die Möglichkeiten von Aktivisten wie Anna Hazare einzudämmen: Hazare gilt als Bekämpfer der Korruption in Indien, mit Hilfe von Social Media organisierte er über den Sommer hinweg zahlreiche regierungskritische Proteste im ganzen Land.

Doch besteht eine Gefahr von gewaltsamen Ausschreitungen durch Facebook und Twitter? Bisher, so das Magazin „Outlook“, gab es zwei Beispiele von beleidigenden Online-Aktionen mit dramatischen Folgen: Im ersten Fall legte jemand ein gefälschtes Facebook-Profil eines Journalisten an und lud unanständigen Content in Bezug auf Mädchen einer religiösen Hindu-Community hoch, was im August zu gewaltsamen Ausschreitungen führte; im zweiten Fall – vergangenen Monat – wurde ursprünglich friedlich gegen vulgäre Postings auf eine muslimischen Facebook-Seite protestiert, bei anschließenden gewaltsamen Protesten gab es sechs Verletzte.

Viel häufiger sind Bilder, die einen direkten Angriff auf die Regierung darstellen: Social Networks wie Facebook und das in Indien noch immer populäre Google-Netzwerk Orkut wimmeln von Fotomontagen, in denen etwa Regierungschef Manmohan Singh als Baby in den Armen von Sonja Gandhi gezeigt wird – nicht wenige junge Inder sind der Überzeugung, Singh sei lediglich eine Marionette, und Gandhi ziehe die Fäden im Hintergrund. Im ersten Halbjahr 2011 hatte die Regierung folglich bei Google um die Löschung von 358 heiklen Einträgen gebeten; 255 wurden tatsächlich entfernt, weil sie regierungskritisch waren – der Anteil der vom Internetriesen gelöschten Einträge stieg um 30 Prozentpunkte im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2010, Google passt sich also an Indiens Regierung an.

Facebooks Antwort auf Sibals Forderung nach einer Zensur kam rasch, war aber deutlich weniger kooperativ: Man werde sich auch weiterhin auf die bisherigen Facebook-Richtlinien berufen, allerdings die Kriterien nicht spezifisch für Indien ausweiten, heißt es vom weltweit größten Social Network. Aktuell filtert Facebook unanständige Wörter, verfügt über einen Algorithmus zur Filterung potentiell beleidigender Inhalte und hat vier Mitarbeiter, die ein Viertel der täglich 10.000 Beschwerden untersuchen. Indien ist für das Social Network ein nicht zu unterschätzender Wachstumsmarkt: Mit knapp 40 Millionen Nutzern ist die aufstrebende Volkswirtschaft Platz 3 weltweit nach den USA und Indonesien; und täglich werden in Indien über 28 Millionen Statusmeldungen auf Facebook verfasst –diese zu filtern dürfte, sollte sich Sibal mit seiner Forderung durchsetzen, allein aus technischer Sicht ein Mammutprojekt werden.

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