Digital India

Apps erstellen im Schnelldurchlauf

Written by Stefan Mey

Das vierköpfige Team von „iMote“ diskutiert heftig – wo denn beim Handy die x-, y- und z-Achse sind und wie man sie definieren muss, um das Ziel zu erreichen: Es ist Samstag in der Früh, und bis Sonntag Abend soll es möglich sein, jedes beliebige Handy über den Beschleunigungssensor und eine IP-Verbindung als Controller für den PC zu verwenden – vergleichbar mit der Steuerung für Nintendos Spielekonsole Wii.

Wir befinden uns in Bangalore, dem selbsternannten „Silicon Valley Indiens“. Die Stadt ist bekannt für ihre IT-Industrie und die Masse an guten Programmierern; „I got bangalored“ ist in den USA ein Ausdruck dafür, dass der eigene Arbeitsplatz einem Outsourcing nach Indien zum Opfer gefallen ist. Hier findet an einem einzigen Wochenende ein „Hackathon“ statt: Teams aus Programmierern sind aus verschiedenen indischen Städten angereist, um in zwei Tagen neue Lösungen zu programmieren, die sich in Folge in Geschäftsmodelle und Start-Ups umwandeln lassen.

Unterstützt wird das Projekt von IT-Unternehmen, die in Indien einen hohen Bekanntheitsgrad aufweisen, im Ausland aber gänzlich unbekannt sind: Zomato.com etwa, eine Suchmaschine für Restaurants und andere Lifestyle-Aktivitäten. Was verfolgt ein solches Unternehmen mit dem Sponsoring? „Erstens potentielle Arbeitskräfte finden“, sagt ein Vertreter des Unternehmens gegenüber IndischeWirtschaft – immerhin herrscht in der boomenden IT-Metropole ein starker Wettbewerb um die besten Köpfe. Und zweitens sollen freie Programmierer und Start-Ups motiviert werden, für Zomato.com zu entwickeln – so wird den Entwicklern während des Hackathons ein Zugriff auf die Zomato-Datenbank gewährt, damit diese darauf aufbauende Lösungen entwickeln.

Störrisches Smartphone

Unter den Teams herrscht eine Stimmung zwischen Neugierde und Wettbewerb. Jeder beobachtet, was der Andere jeweils macht – möchte aber beim Pitch am Sonntag auf jeden Fall als bestes Team hervorstechen. Manchmal stoßen die Programmierer dabei auf ungeahnte Probleme. Das Team von „PersonalCloud“ möchte etwa ermöglichen, dass über die Sprachsteuerung von Android-Handys dem Computer Befehle gegeben werden; spricht der User etwa „Open Google“ in sein Handy, soll sich am PC der Browser mit der Seite Google.com öffnen. Klingt in der Theorie einfach, in der Praxis erweist sich Android aber als störrisch: Der indische Akzent der Entwickler wird nicht verstanden, so dass ich als Testperson einspringen muss.

Man programmiert eifrig; dazwischen gibt es eine Firmenpräsentation. Zu Mittag futtern die Programmierer Pizza– das wohl weltweit beliebteste Essen unter Nerds – und am Abend gibt es Samosas, die mit indischem Bier herunter gespült werden. Danach sitzen die Teams noch lange beisammen, programmieren und diskutieren: Bei „iMote“ wird noch bis vier Uhr morgens hektisch besprochen, wie denn wohl der User das Handy halten wird – bis eines der Team-Member vorschlägt, ein paar Stunden zu schlafen. Man fährt nicht weit, sondern bettet sich gleich am Veranstaltungsort auf Matratzen. Und als am nächsten Morgen manche Schlafmützen noch im Land der Träume verweilen, sitzen gleich daneben ihre Kollegen mit ihren MacBooks, um dem Ziel näher zu kommen.

Als am Abend schließlich die Pitches vor der Jury stattfinden, sind die Erfolge unterschiedlich. „PersonalCloud“ muss mit dem Vorführ-Effekt kämpfen, die Applikation will leider nicht reagieren und die Jury ist enttäuscht; die Anwendung von „iMote“ hingegen läuft einwandfrei und erhält mehrfach Applaus, auch von den anderen Teams.

Der wahre Erfolg der einzelnen Projekte wird sich aber wohl erst mittel- bis langfristig ergeben: Nun sind die Grundfunktionen der Applikationen entwickelt, in Folge müssen ein Geschäftsmodell entwickelt und ein Kundenstamm aufgebaut werden. Hackodex.com – ein Kommunikationstool für Entwickler – kann hier bereits kurz nach dem Event erste Erfolge verbuchen: Bereits am Montag hatte die Seite 250 Mitglieder. Gründer Rajan Chandi verrät IndischeWirtschaft sein eigenes Erfolgsrezept: „Ich habe fünf verschiedene Start-Ups, und je nach Event präsentiere ich eines davon.“ Wenn auch nur eine einzige Idee Erfolg hat, ist Chandi zufrieden – vielleicht gar keine so schlechte Strategie angesichts der Tatsache, dass die meisten Start-Ups schon nach weniger Jahren in Konkurs gehen. Eine Streuung der Themengebiete erhöht da die Erfolgschancen.

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