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Hat die Formel 1 in Indien etwas verloren? (Kommentar von Wolfgang Bergthaler)

Die Frage ist legitim. Nicht nur die „Kleine Zeitung“ beschäftigt dieses Thema, sondern auch indische Medien. Darf/Soll/Muss ein Land, in dem mehrere hundert Millionen Menschen von einem bis zwei US-Dollar pro Tag leben, das dekadenteste Sport-Event der Welt ausrichten? Ich würde sagen, JA SIE KANN!

Mehr Privat, weniger Staat!

Im Gegensatz zu den Commonwealth-Spielen letztes Jahr investierte diesmal nicht der Staat in die Infrastruktur und Ausrichtung der Veranstaltung, sondern ausschließlich private Investoren, wie die Jaypee Group aus Noida (Nähe Delhi), die 300 Millionen Euro in die Rennstrecke steckte. Jaypee könnte das Projekt sogar aus dem Jahresgewinn 2009/2010 bezahlen, der sich auf EUR 400 Millionen belief. Mit 2 Milliarden Euro Jahresumsatz und 20.000 Mitarbeitern gehört die Firma zu den größten Infrastruktur-, Bau- und Immobilien-Konzernen des Landes.

Diesmal wird also kein Steuergeld für Selbstdarstellung und Kinderspiele ausgegeben. Jaypee ist ein privates Unternehmen, und der Buddh-Circuit eine wirtschaftlich vernünftige Investition, die jährlich nicht nur fette Renditen abwirft sondern auch „Brand Value“ und Arbeitsplätze in der Region schafft.

Profitiert auch der Staat?

Jaypee baut für den Staat in ganz (Nord)Indien Autobahnen, Kraftwerke und andere Infrastruktur-Projekte. Konzern-Management und Politik kennen sich bestimmt gut: der Staat wird das Projekt unterstützt haben – und Jaypee wohl auch die Politik(er).

Neben Steuereinnahmen erwartet sich die Regierung vor allem internationale Berichterstattung und Aufmerksamkeit der globalen Business-Community. Indien soll der Welt als dynamische aufstrebende Volkswirtschaft mit ungeahnten Geschäftspotential präsentiert werden und Investoren anlocken. Ob das gelingt, ist fraglich. Möglicherweise ist der Schaden durch westliche Medien-Vertreter, die keine Ahnung haben, größer als der Effekt den sich Organisatoren und die Politik erhoffen.

Lasst die Inder feiern!

Es ist ja nicht so dass in Indien alle arm sind, in Slums wohnen und jetzt der „Formel 1 Zirkus“ einfällt um mitten „in der Scheiße“ eine Party auf deren Kosten zu feiern, während die Massen vor dem Stacheldraht verhungern.

Ja, Indien hat eine ungleiche Gesellschaft und viele Menschen, die erst die Armutsgrenze überspringen müssen. Indien hat aber auch eine riesige Mittelschicht, die nach Eigendefinition (der Regierung) bis zu 500 Millionen Menschen groß ist. So weit würde ich sie selbst nicht fassen, aber es gibt wahrscheinlich 50 bis 100 Millionen Menschen mit den gleichen Konsumbedürfnissen und einem ähnlichen Lebensstandard (Wohnung, Haus, Auto, Job) wie eine Mittelklasse Familie in Deutschland. Sie shoppen im Einkaufszentrum, gehen ins Kino, kaufen Autos und fliegen vielleicht sogar einmal in ihrem Leben in die Schweiz auf Urlaub. Sie interessieren sich für die gleichen Dinge wie ein Durchschnittseuropäer beziehungsweise -Amerikaner: Konsum und Entertainment. Formel 1 hat es den Indern besonders angetan. Ich würde sogar sagen:

Autorennsport ist eine typisch indische Sportart!

Traditionell hat Sport (bis auf Cricket) in Indien keine Bedeutung – kulturbedingt. Aber Rennsport im Allgemeinen und Formel 1 im Speziellen befriedigt die typischen Bedürfnisse des Mittelklasse-Inders:

  • Luxus- & Status-Bedürfnis einer elitären und hierarchischen Gesellschaft,
  • viel (Preis)Geld, Kommerz, und Rummel,
  • Begeisterung für Technik und Innovation,
  • Geschwindigkeit und Lautstärke,
  • Heiße Frauen und schnelle Autos sowie
  • Society- & Glamour á la Bollywood

Namaste, Herr Ecclestone!

(Kommentar von Wolfgang Bergthaler)

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About the author

Wolfgang Bergthaler

Wolfgang Bergthaler ist seit 2004 mit Indien beruflich und privat eng verbunden. Als Entrepreneur, Berater und Blogger hat er Land und Wirtschaft von den spannendsten Perspektiven kennen gelernt.
Auf "Indische Wirtschaft" teilt er seine Erfahrungen, insbesondere zu den Themen IT Outsourcing, Tech Startups, Marketing und Vertrieb.

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