Interkulturelles Kommentare

Delhi, brutal aber herzlich

In den nächsten Postings ein Versuch indische Städte kurz zu charakterisieren und mit westlichen Städten zu vergleichen – nicht ganz ohne Vorurteile und Stereotypen…

In Indien spricht man von den vier Metros (Metropolen): Delhi, Mumbai (Bombay), Kolkata (Calcutta) und Chennai (Madras). Diese vier Städte unterscheiden sich fundamental voneinander. Sie liegen nicht nur mehrere tausend Kilometer voneinander entfernt, sondern auch in eigenen Kulturkreisen (Punjabi, Marathi, Bengali, Tamil). Dementsprechend anders sind die Menschen, die dort wohnen und ihre Mentalitäten.

Beginnen wir mit der Hauptstadt Delhi, politisches und administratives Zentrum Indiens. Bis vor zehn / fünfzehn Jahren war Delhi absolut durch die Kultur der Punjabis geprägt, heute ist die Stadt ein Schmelztiegel derverschiedenen (indischen) Kulturen. Täglich strömen tausende Menschen in die Stadt, um sich entweder in den Outsourcing-Zentrum der Vorstädte ein bescheidenes Vermögen zu erarbeiten oder als Bauarbeiter, Hilfekraft, Haushälterin oder Chauffeur durchzuschlagen. Mehr als Punjabi spricht man Hindi und alle anderen Sprachen des Subkontinents.

Jeder Inder, der nicht aus Delhi stammt oder aus wirtschaftlichen Interessen kam, hasst mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Stadt, die bekannt ist für seine harte und direkte Gangart und die entsprechende „Ellbogen-Technik“ der Dehliites. Delhi ist ein hartes Pflaster zum Überleben – man wird nur wahrgenommen, wenn man reich und mächtig ist. Um hier ein gutes Leben zu führen muss man über die entsprechenden Netzwerke und das entsprechende Kleingeld verfügen, körperliche Gewalt schadet aber auch nicht.
Delhi hat mehr Geld, als es „verdient“. Die Kohle, die man im Brotjob zwischen 10 und 6 Uhr erschuftet, reicht kaum zu einem guten Leben. Eigentlich sind alle dumm, die in Delhi arbeiten, denn ein Vermögen macht man nur dann, wenn man sein eigenes Geschäft (mehr oder weniger skrupellos) betreibt und(!) in Immobilien investiert. Die (obere) Mittelklasse lebt von Kapitaleinkommen und Schwarzgeld und lässt sich in den schicken 5-Sterne Hotels der Stadt feiern. Kein Whiskey ist zu teuer, kein Auto zu groß, keine Party/Hochzeit zu dekadent und keine Frau zu verwöhnt.

Wenn ich Delhi mit einer anderen Weltstadt vergleichen müsste, wäre es wahrscheinlich Moskau: groß, korrupt, schnell, wild. Politik und Wirtschaft eng verwoben; unendlich viel Geld, aber auch Armut; brauchbare Infrastruktur (im Vergleich zum Rest des Landes) aber unverschämte Immobilienpreise. Delhi gilt in Indien als unsicherste Stadt, v.a. für Frauen. Egal ob Tourist oder Geschäftsmann: Die einen wollen nur dein Geld, die anderen sind unglaublich gastfreundliche und warmherzige Menschen und Freund fürs Leben.
(Wolfgang Bergthaler)

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Wolfgang Bergthaler

Wolfgang Bergthaler ist seit 2004 mit Indien beruflich und privat eng verbunden. Als Entrepreneur, Berater und Blogger hat er Land und Wirtschaft von den spannendsten Perspektiven kennen gelernt.
Auf "Indische Wirtschaft" teilt er seine Erfahrungen, insbesondere zu den Themen IT Outsourcing, Tech Startups, Marketing und Vertrieb.

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