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WM: Näherinnen im abseits

In den Fabriken, in denen die Waben für die Bälle gestanzt und lackiert werden, sind die Arbeitsbedingungen katastrophal: Die Arbeiter haben keinen Kündigungsschutz, verdienen weniger als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn und müssen dafür ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Schutzvorrichtungen bei den schweren Stanzmaschinen oder Belüftungssysteme in Lackierräumen fehlen oft. „Die Inder sind die Lacke gewohnt und wissen nicht, was sie einatmen. Das riechen nur Europäer und es schadet den Indern nicht“, behauptet ein Fabriksbesitzer.

Nähen für einen Hungerlohn
Die anstrengende Arbeit des Fußballnähens wird großteils in Dörfer ausgelagert, als Heimarbeit oder in Nähzentren. Die NäherInnen werden von Unterhändlern mit Näh-Sets, bestehend aus Waben und Fäden, aus der Fabrik beliefert. Die Arbeit mit dem harten Kunststoff oder Leder ist anspruchsvoll und anstrengend, die Löhne liegen zwischen fünf und 30 Cent – je nach Qualität – pro Ball. Mehr als vier Bälle pro Tag und Person sind kaum zu schaffen, daher müssen oft ganze Familie nähen, um sich ernähren zu können.

Die 25-jährige Anju hat vier Kinder und näht seit neun Jahren Fußbälle – für fünf Cent pro Ball. Am Ende des Tages holt der Unterhändler zehn bis 15 Bälle bei ihr ab – wer diese in ihrer Familie näht, erzählt sie nicht. Dafür aber berichtet sie über chronische Rückenschmerzen und darüber, dass sie keine Chance auf bessere Bezahlung hätte: „Wenn wir uns über die niedrigen Löhne beklagen, bringen uns die Unterhändler einfach keine Näh-Sets mehr. Sie sagen, dass es genug andere gäbe, die unseren Job machen würden.“

Keine durchgängigen Kontrollen
In WM-Jahren wie diesem werden rund 40 Millionen Fußbälle produziert. 95 Prozent davon sind so genannte „Promotion-Fußbälle“ – jene Masse von Bällen, die als Werbefläche dienen oder als billige Eigenmarken verkauft werden. Während Markenunternehmen eher im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen und daher darauf achten müssen, nicht mit schlechten Arbeitsbedingungen und insbesondere mit Kinderarbeit in Verbindung gebracht zu werden, kümmern sich so genannte No-Name-Unternehmen weniger um ihre soziale Verantwortung.

Zwar gibt es in Indien und Pakistan seit den späten 90er Jahren von den Exporteuren und der FIFA geförderte Initiativen, die Maßnahmen gegen Kinderarbeit setzen, aber: „Solange die Löhne der Erwachsenen keine menschenwürdige Existenz zulassen, wird Kinderarbeit nicht nachhaltig verhindert werden können“, gibt Christina Schröder, Pressesprecherin der NGO Südwind, zu bedenken.

Arbeit auf Abruf versus faire Produktion
Obwohl Fußball ein globales Phänomen ist, ist seine Produktion sehr konzentriert. Pakistan, Indien und China, die Hauptproduzenten, stehen in hartem Wettkampf um die Aufträge der europäischen und US-amerikanischen Firmen. Dieses Match wird auf dem Rücken der Arbeiter ausgetragen: Sie werden durch prekarisierte Anstellungsverhältnisse und die informelle Heimarbeit auf Abruf gehalten, um die Produktionskosten zu drücken. „Die Unternehmen müssen ihre Einkaufspraktiken ändern und Verantwortung übernehmen, um die Arbeitsbedingungen in der Zulieferkette nachhaltig zu verbessern“ fordert Schröder: „Fairness in der Fußballproduktion kann man schon jetzt durch den Kauf von Fairtrade zertifizierten Bällen unterstützen“, rät sie kritischen Konsumenten. (Stefan Mey)

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